Wer schon einmal mit einem Sack Fertigputz gearbeitet hat, weiß: Aufmachen, Wasser rein, umrühren. Fertig. Bequem? Ja. Aber perfekt? Nicht unbedingt.
Wenn du Kalkputz wirklich auf höchstem Niveau verarbeiten willst, egal ob im historischen Gebäude oder beim wohngesunden Neubau, dann brauchst du eine wirklich zementfreie Fertigmischung oder kommst ums Selbermischen nicht herum. Und das Herzstück dabei ist nicht etwa der Kalk, sondern der Sand.
Warum überhaupt selber mischen?
Industrielle Kalk-Fertigputze sind so abgestimmt, dass sie für „alle“ funktionieren. Das Problem: Dein Bau ist nicht „alle“. Dein Untergrund, deine Anforderungen, deine Wünsche, all das ist individuell. Selbermischen heißt: Du bestimmst das Mischungsverhältnis, die Kornzusammensetzung, die Verarbeitbarkeit. Kurz gesagt: Du bist Herr über die Qualität und nicht der Sack im Baumarkt.
Außerdem: Reiner Kalkputz (Luftkalk oder natürlich hydraulischer Kalk) ohne Zementzusatz ist in Fertigmischungen nur selten zu finden. Und wenn, dann oft zu einem Preis, bei dem dir die Lust vergeht. Selbermischen spart Geld und du weißt genau, was drin ist.
Die Basis: Kalk
Für Innen- und Außenputze im Altbau oder Neubau ist Luftkalk oder Natürlich hydraulischer Kalk (NHL) ideal. Wobei der NHL-Kalkputz einfacher in der Anwendung ist. NHL-Putze fallen nicht zusammen, vertragen höhere Schichtdicken und binden gleichmäßiger ab. Ohne bei den typischen Vorteilen Abstriche machen zu müssen.
Das Entscheidende: der Sand
Jetzt wird’s spannend. Der richtige Sand entscheidet, ob dein Putz butterweich gleitet oder dich beim Abziehen in den Wahnsinn treibt.
Was guten Putzsand ausmacht:
- Kornmischung statt Einheitskorn: Ein guter Putz lebt von einer Mischung aus feinen und gröberen Körnern. Feiner Sand schließt die Poren, gröberer gibt Struktur und Stabilität. Faustregel: Von 0 bis 1 mm für Oberputze, 0 bis 4 mm für Unterputze.
- Kantig, nicht kugelrund: Gebrochener Sand oder Grubensand verzahnt sich besser im Mörtel als Rundkorn aus dem Fluss.
Mein Tipp aus der Praxis:
Für einen Oberputz nutze ich gerne eine Mischung aus 0-0,5 oder 0–1 mm Sand im Verhältnis 1:2 bis 1:3. Für den Unterputz geht’s gröber: 0-2 mm für Putzdicken bis 15 mm, 0–4 mm für Putzdicken über 15 mm, im Mischungsverhältnis 1:3 bis 1:5.
Weitere Rezepturen gibt es hier: 13 Kalk-Putz Rezepte zum Selbermischen
Das Mischungsverhältnis
Klassisch aber je nach Sand Art und Körnung unterschiedlich:
- Unterputz: 1 Teil Kalk : 3 bis 5 Teile Sand (nach Volumen)
- Oberputz: 1 Teil Kalk : 2 bis 3 Teile Sand (feiner abgestimmt)
Mit dieser groben Formal kann man sich langsam an das perfekte Mischungsverhältnis herantasten. Wer schneller und vor allen genau herausfinden möchte, wie viel Kalk der jeweilige Sand benötigt, für den empfiehlt sich das Auslitern.
Bindemittelanteil bestimmen
Durch das Auslitern wird der Hohlraumgehalt des Sandes bestimmt und daraus das Kalk-zu-Sand-Verhältnis abgeleitet. In einfachen Worten: Es wird ermittelt, wie viel Wasser nötig ist, um die Hohlräume im trockenen Sand zu füllen. Diese Wassermenge entspricht dem Bindemittel-Volumen, das mindestens benötigt wird, damit der Kalk den Sand voll umhüllt und der Mörtel „steht“.
Beim Auslitern wird wie folgt vorgegangen:
Sand abwiegen:
Einen Messbecher mit genau 1,0 kg trockenem Sand füllen. (Je mehr Sand, desto genauer wird das Ergebnis, weshalb wir 5 kg Sand verwenden.) Den Sand an der Oberfläche plan abziehen, ohne ihn zu verdichten.
Das ganze auf eine Digitalwaage stellen, die grammgenau misst und auf Tara drücken.
Wasser aufgießen:
Langsam sauberes Wasser zugeben, damit Luft entweichen kann. Immer wieder kurz warten, bis keine Luftbläschen mehr aufsteigen. Ziel: So viel Wasser zugeben bis der Sand gerade so mit Wasser bedeckt ist. Das Wasser soll nicht über dem Sand stehen.
Wassermenge ablesen:
Dann auf der Waage ablesen, wie viel Wasser beigemischt wurde. Die zugegebene Wassermenge ist der Hohlraumgehalt des Sands.
Wenn bei 1 kg Sand 30 g Wasser zugegeben wurde beträgt der Hohlraumgehalt 30% und somit muss in den Putz pro Kilo Sand, 0,3 ltr Kalk.
Bindemittelbedarf ableiten:
Das erforderliche Kalk-Volumen (als Paste) entspricht grob dem Hohlraumvolumen. Für eine gute Verarbeitung rechne ich in der Praxis mit einem kleinen Zuschlag:
- Oberputz (fein): 1,0–1,1 × Hohlraumvolumen
- Unterputz (gröber): 1,1–1,2 × Hohlraumvolumen
Hintergrund: Etwas Paste-„Reserve“ verbessert Gleitverhalten und Verdichtung.
Wasser: Weniger ist mehr
Der größte Fehler beim Anmischen: zu viel Wasser. Der Mörtel soll feucht sein aber nicht schwimmen. Daher neigen Kalkputze, die von Hand verarbeitet werden, weniger zur Rissbildung als Kalkputze, die mit einer Putzmaschine aufgebracht werden. Maschinenputz wird immer etwas flüssiger eingestellt, damit er spritzfähig ist.
Der richtige Sand
Kalkputz selbst zu mischen ist wie Kochen ohne Fertigsoße: Am Anfang vielleicht mehr Arbeit, aber das Ergebnis ist um Welten besser und du weißt genau, was drin ist. Der richtige Sand ist dabei extrem wichtig. Wenn du ihn einmal gefunden hast, bleib ihm treu, so wie einem guten Werkzeug, das du nicht mehr hergibst.
Abschließend noch ein Hinweis
Selbst mischen bedeutet immer, Muster anlegen, um die Qualität der Mischung beurteilen zu können. Darauf sollt niemals verzichtet werden.
Darüber hinaus sollte auch klar sein, Eigenmischungen haben keine bauaufsichtliche Zulassung. Wer als Verarbeiter eine Eigenmischung verarbeitet, kann bei Schäden, bei denen der Putz auf den Prüfstand kommt, Probleme bekommen. Auch wenn der Bauherr der Eigenmischung zustimmt.
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