Ich dachte lange, mich überrascht im Putzbereich nichts mehr.
Man hat schon viel gehört, viel gesehen und noch mehr Marketingfloskeln ertragen.
Aber was mir beim Keim Janus untergekommen ist, setzt dem Ganzen tatsächlich die Krone auf.

Ein Putz, der nach dem Abklopfen wieder angerührt und erneut verarbeitet werden kann. Nicht nur theoretisch, sondern ganz offiziell, als Verkaufsargument.

Wenn das stimmt, müssten wir unser gesamtes Verständnis von Bindemitteln, Abbindung und Baustoffphysik über Bord werfen.
Oder und das ist wahrscheinlicher, wir haben es hier mit einem sehr geschickt formulierten Marketingversprechen zu tun.

 

Eine alte Geschichte und warum sie hier relevant ist

Bevor wir über den Janus sprechen, ein kurzer Rückblick.

Vor einigen Jahren habe ich, eher aus Neugier als aus Notwendigkeit, bei der Hotline eines Putzherstellers angerufen. Irgendwann kamen wir auf das Thema Gips.
Die Empfehlung des dortigen Diplom-Ingenieurs war bemerkenswert:

Gipsstaub aus dem Schleifen einfach mit Wasser mischen und als Gipsglätte weiterverwenden.

Technisch ist das völliger Unsinn.
Gips bindet ab. Und abgebunden bleibt abgebunden.
Wasser macht daraus keinen frischen Baustoff mehr, egal wie fest man daran glaubt.

Warum erzähle ich das?
Weil wir uns beim Janus auf exakt demselben gedanklichen Niveau bewegen, nur diesmal nicht in einem Telefongespräch, sondern schwarz auf weiß in einer offiziellen Produktbroschüre.

 

Was ist der Keim Janus überhaupt?

Der Keim Janus ist ein Innenputz auf Basis von Ton, Kalk und Zement.
Ein sogenannter Ton-Kalkputz, wobei man diesen Begriff durchaus kritisch hinterfragen darf.

Laut Hersteller ist das Besondere am Janus, dass er reversibel ist und daraus seine angebliche Recyclingfähigkeit resultiert.
Aber nicht im klassischen Sinn von Putz abschlagen und als mineralischen Bauschutt entsorgen

Nein. Laut Broschüre kann der Janus samt Farbanstrich von der Wand genommen und als Recyclingputz wiederverwendet werden, durch das Beimischung 1:1 zu einer neuen Janus-Mischung.

Klingt erst einmal großartig.
Fast zu gut, um wahr zu sein.

 

Blick ins Sicherheitsdatenblatt – Zahlen, die Fragen aufwerfen

Schauen wir uns die Fakten an.

Laut Sicherheitsdatenblatt besteht der Janus aus:

  • Ton
  • Lehm
  • Kalk (3–8 %)
  • Zement (6–8 %)
  • nicht näher benannten Zusatzstoffen

Wie hoch der Ton- und Lehmanteil tatsächlich ist?
Keine Angabe.

Der Verbrauch liegt bei ca. 1,3 kg/m²/mm.

Zum Vergleich:

  • Reiner Lehmputz: ca. 1,7–1,9 kg/m²/mm
  • Reiner Kalkputz: ca. 1,5 kg/m²/mm

Ein Ton-Lehm-haltiger Putz mit geringerem Verbrauch als Kalk? Was wird da noch beigemischt, was nicht in den Datenblättern steht?

  • Leichtzuschläge
  • Luftporenbildner
  • chemische Zusatzstoffe

Belegt wird davon nichts.
Und genau hier beginnt das Problem.

 

Abbindung ist keine Meinung, sondern Physik

Jetzt zum Kern der Sache.

Kalk und Zement sind hydraulisch bzw. chemisch abbindende Bindemittel.
Das bedeutet:

  • Sie reagieren mit Wasser
  • sie härten aus
  • und sie bleiben danach fest

Das ist keine Ansichtssache.
Das ist Baustoffkunde.

Diese Bindemittel verkleben nicht nur Sandkörner, sondern auch Tonplättchen.
Der Ton verliert damit seine Wasserlöslichkeit.

Heißt konkret:

Ein einmal abgebundener Janus-Putz lässt sich nicht wieder zu einem frischen Putz machen.

Egal, wie viel Wasser man zugibt.

Alles andere wäre fatal, denn dann würde jeder zementhaltige Außenputz beim nächsten Regen wieder weich werden.

 

Was bleibt nach dem Abklopfen wirklich übrig?

Wenn ich den Janus von der Wand abkratze, erhalte ich Sand, Zuschläge und abgebundenes Bindemittel. Also im besten Fall einen mineralischen Bauschutt.

Und ja, diesen Bauschutt kann ich theoretisch einem neuen Putz beimischen.
Aber das kann ich mit Kalkputz oder Kalk-Zementputz auch, wenn ich das will.

Das ist nichts Besonderes. Das ist machbar aber eben kein Recycling im Sinne eines funktionalen Baustoffs.

 

Der kritische Punkt: Bindemittelverhältnis und Zulassung

Jetzt wird es richtig spannend.

Was passiert, wenn ich 50 % frischen Janus mit 50 % abgekratztem, abgebundenem Janus mische?

Das Bindemittelverhältnis sinkt drastisch.

Die mögliche Folgen sind reduzierte Festigkeit und mangelhafte Haftung.

Und dann stellt sich mir die Frage:
Darf ich das überhaupt?

Ist solch eine Mischung noch zulassungskonform? Wer haftet bei Schäden, wegen mangelnder Festigkeit?

Und was passiert, wenn der abgekratzte Janus vorher mit einer Dispersionssilikatfarbe gestrichen war?

Ändert sich die Diffusionsfähigkeit oder Wasseraufnahme? Darf dann noch immer von einem Wohngesunden Baustoff gesprochen werden?

Mir würden noch deutlich mehr Fragen einfallen, aber darauf finden sich bei Keim keine Antworten. Nur Verkaufsargument.

 

Meine klare Meinung

Für mich ist das kein echtes Recycling, sondern ein Marketingschachzug.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft davon ausgeht, dass in 10 oder 20 Jahren ein Handwerker den Janus sorgfältig abklopft, sortenrein sammelt und dann wieder beimischt.

Das Narrativ dient dem Zweck, Nachhaltigkeit zu verkaufen, ohne sie technisch sauber umzusetzen.

Und das ist problematisch.

Denn gesundes und nachhaltiges Bauen braucht keine großen Worte.
Es braucht ehrliche Produkte, klare Deklarationen und realistische Versprechen.

 

Weniger Marketing, mehr Baustoffkunde

Der Keim Janus ist vielleicht nicht schlecht. Aber das Recycling-Versprechen ist aus meiner Sicht irreführend.

Wer wirklich nachhaltig bauen will, sollte sich nicht von wohlklingenden Broschüren leiten lassen, sondern von Produkten, die halten was der Hesteller verspricht und vor allem, von Herstellern und Verarbeitern, die ehrlich und transparent sind. Alles andere ist Augenwischerei.

Was „reversibel und recycelbar“ bei Putz wirklich bedeutet und was nicht

Im Baustoffbereich wird der Begriff Recycling sehr großzügig verwendet. Technisch korrekt ist ein reversibler Baustoff jedoch nur dann, wenn er nach der Nutzung wieder seine ursprüngliche Funktion erfüllen kann. Genau das ist bei Putzen mit hydraulisch oder chemisch abbindenden Bindemitteln nicht möglich. Nach dem Abbinden bleibt lediglich mineralischer Bauschutt, der zwar weiterverwendet werden kann, jedoch bestenfalls als Füllstoff. Alles andere ist keine Kreislaufwirtschaft, sondern eine sprachliche Aufwertung von Entsorgung.

Der einzige Putz, der diesem reversiblem Recyclinggedanken tatsächlich gerecht wird, ist reiner Lehmputz, ohne Zement, ohne Kalk, ohne sonstigen Bindemittel. Lehm bindet nicht chemisch ab, sondern trocknet physikalisch. Durch erneute Wasserzugabe wird er wieder weich und kann erneut als vollwertiger Putz verarbeitet werden. Genau das ist echter, funktionaler Baustoffkreislauf.

 

 

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Den Keim Janus finden Sie auch auf meinem Natürlich Kalk YouTube-Kanal.