Kalkputz gilt als eines der ältesten und gleichzeitig besten Materialien im Innenausbau. Kaum ein anderes Thema wird im Maler- und Verputzerhandwerk aktuell so häufig diskutiert und kaum eines ist mit so vielen Halbwahrheiten belegt. Aussagen wie „Kalkputz ist immer wohngesund“, „mit Kalk hat man keinen Schimmel mehr“ oder „Kalkputz ist nur etwas für Altbauten“ hört man immer wieder.
Doch was davon stimmt wirklich?

Tatsache ist: Kalkputz ist nicht gleich Kalkputz.
Unter dem Begriff verbergen sich sehr unterschiedliche Produkte. Von „reinen“ Kalkputz bis hin zu industriellen Kalk-Zementputzen die als Kalkputze vermarktet werden. Für Bauherren und Renovierer ist das kaum zu durchschauen. Gleichzeitig wird der Begriff „Kalk“ im Marketing oft so großzügig verwendet, dass er mehr verspricht, als das Material später halten kann.

In meiner täglichen Arbeit mit Kalkputz begegnen mir diese Missverständnisse häufig. Auf Baustellen, in Beratungsgesprächen und bei der Sanierung von Schäden, die eigentlich vermeidbar gewesen wären. Genau deshalb ist es mir wichtig, offen darüber zu sprechen, was Kalkputz leisten kann und was nicht.

In diesem Beitrag nehmen ich 10 Aussagen über Kalkputz unter die Lupe, die sich hartnäckig halten. Ich erkläre:

  • welche Mythen rund um Kalkputz stimmen,
  • wo Aussagen verkürzt oder falsch sind
  • und worauf Bauherren wirklich achten sollten, wenn sie sich für Kalkputz entscheiden.

Dieser Artikel richtet sich an alle, die Kalkputz im Neubau oder bei der Sanierung in Betracht ziehen und eine ehrliche Einschätzung suchen, jenseits von Verkaufsargumenten und Werbeversprechen. Denn gutes Handwerk beginnt nicht mit Trends, sondern mit Wissen und klaren Entscheidungen.

Warum es so viele Mythen über Kalkputz gibt

Der Grund ist einfach:
Kalkputz ist kein genormtes Produkt mit eindeutiger Definition, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Materialien.

Unter „Kalkputz“ versteht man heute unter anderem:

  • reinen Luftkalkputz
  • natürlichen hydraulischen Kalk (NHL)
  • Kalk-Zement-Putze
  • industriell modifizierte Produkte mit Kunststoffen

Für Laien klingt alles gleich. Für das Ergebnis an der Wand macht es aber einen gewaltigen Unterschied.

 

 

1. Kalkputz ist gleich Kalkputz

Diese Aussage ist der Ursprung vieler Enttäuschungen rund um Kalkputz.

Der Begriff Kalkputz ist nicht geschützt. Jeder Hersteller darf ihn verwenden, unabhängig davon, wie viel Kalk tatsächlich im Produkt enthalten ist. Ob es sich um einen Kalkputz handelt wird nicht durch den Kalkanteil definiert, sondern lediglich an Trockenrohdichte und Druckfestigkeit. Und genau hier beginnt das Problem.

Warum „Kalkputz“ heute kein eindeutiger Begriff mehr ist

Ursprünglich bestand Kalkputz aus:

  • Kalk als Bindemittel (Luftkalk oder natürlich hydraulischer Kalk)
  • Sand als Zuschlag
  • Wasser

Mehr nicht.

Heute finden sich unter der Bezeichnung „Kalkputz“ Produkte mit sehr unterschiedlichen Bindemitteln:

  • Luftkalk (CL)
  • natürlich hydraulischer Kalk (NHL)
  • hydraulischer Kalk (HL)
  • Kalk-Zement-Putze
  • industriell modifizierte Mischungen mit Kunststoffen

Für Bauherren sehen alle Säcke gleich aus.
Für das Verhalten an der Wand könnten die Unterschiede größer kaum sein.

Nicht jeder Kalkputz ist ein reiner Kalkputz.

Was die Industrie treibt und warum das mit echtem Kalk wenig zu tun hat

Reiner Kalkputz ist bei der Verarbeitung:

  • langsamer in der Erhärtung
  • anspruchsvoll
  • sensibel gegenüber Temperaturen

Für industrielle, auf Zeit und Kosten optimierte Abläufe ist das unpraktisch weshalb auch Kalkputze optimiert werden müssen.

Das bedeutet in der Praxis:

  • schnellere Abbindezeiten
  • geringere Fehleranfälligkeit
  • höhere Verarbeitungssicherheit

All das verkauft sich gut, hat aber seinen Preis.

Zement im Kalkputz und warum das problematisch ist

Zement wird beigemischt, um:

  • die Festigkeit zu erhöhen
  • die Abbindezeit zu verkürzen
  • Die Haftung zu erhöhen
  • die Verarbeitung zu vereinfachen

Klingt erst mal sinnvoll. Bauphysikalisch hat das jedoch deutliche Nachteile.

Zement im Kalkputz führt zu:

  • geringerer Diffusionsfähigkeit
  • höherer Steifigkeit
  • Spannungen im Putzsystem
  • eingeschränkter Feuchteregulierung

Besonders im Altbau kann das zu Rissen und anderen Schäden führen. Mit Zement optimierte Putze sind für die früher verwendeten Putzsysteme zu hart. Zudem verhindern sie den Feuchteausgleich und schädigen so z.B. Fachwerk.

Wichtig ist also: Ein Kalk-Zement-Putz ist kein reiner Kalkputz, auch wenn „Kalk“ groß auf dem Sack steht.

Warum das für Bauherren ein echtes Problem ist

Viele Bauherren entscheiden sich für Kalkputz, weil sie:

  • nachhaltig und umweltschonend bauen oder sanieren wollen
  • Schimmel vermeiden möchten
  • in gesundes Wohnklima wünschen
  • Wohnraum schaffen wollen, der Generationen überdauert

Wenn sie am Ende jedoch ein Kalk-Zement-Produkt mit Zusätzen auswählen, bleibt von diesen Vorteilen oft nur ein Teil oder gar nichts übrig.

 

 

2. Kalkputz ist automatisch wohngesund

Kaum ein Argument wird beim Thema Kalkputz so häufig genannt wie dieses:
Kalkputz ist wohngesund.
Und ja, das kann er sein. Aber automatisch? Ganz klar: nein.

Gerade dieser Mythos sorgt in der Praxis für falsche Erwartungen und Enttäuschung. Denn Wohngesundheit entsteht nicht durch eine Produktbezeichnung, sondern durch Materialeigenschaften, Zusammensetzung und das gesamte Putz-System inkl. Anstrich

Was mit „wohngesund“ überhaupt gemeint ist

Der Begriff wohngesund ist rechtlich nicht geschützt. Er wird daher ganz unterschiedlich verwendet. Oftmals, zum Leidwesen der Verbraucher, sehr großzügig.

Aus fachlicher Sicht bedeutet Wohngesundheit unter anderem:

  • geringe oder keine Emissionen
  • diffusionsoffene Baustoffe
  • gute Feuchteregulierung
  • keine problematischen Zusatzstoffe
  • ein ausgeglichenes Raumklima

Aber nicht jedes Produkt, das natürlich klingt, erfüllt diese Kriterien.

Warum Kalk grundsätzlich gute Voraussetzungen mitbringt

Echter Kalkputz besitzt Eigenschaften, die ihn grundsätzlich interessant machen:

  • hohe Alkalität (wirkt schimmelhemmend)
  • offenporige Struktur
  • Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben
  • mineralische Zusammensetzung
  • Diffusionsfähigkeit
  • Enthält keine Zusätze die ausgasen können

Wichtig: Diese Vorteile gelten nur, für „reine“ Kalkputze. Also wenn kein Zement oder andere „verarbeitungs- und haftungsverbessernde Zusätze“ beigemischt werden.

Sobald Kalk „optimiert“ wird, verändern sich seine Eigenschaften, für Laien unsichtbar.

Emissionen: ein unterschätztes Thema

Viele verbinden Wohngesundheit ausschließlich mit „natürlich“. Dabei spielt auch das Thema Emissionen eine Rolle.

Problematisch können sein:

  • Kunstharzanteile
  • Konservierer
  • Zusatzstoffe, die ausgasen können
  • nachfolgende Beschichtungen (Farben, Versiegelungen)

Ein Kalkputz bringt wenig, wenn er später mit einer dichten Dispersionsfarbe „abgesperrt“ wird, die Titandioxid, Konservierungsmittel und weitere giftige Zusätze enthält.

Der größte Fehler: Wohngesundheit isoliert betrachten

Ein häufiger Denkfehler: „Ich nehme Kalkputz, dann ist das Haus wohngesund.“

So funktioniert das nicht. Wohngesundheit ist das Zusammenspiel aus:

  • Putz
  • Farbe
  • Untergrund
  • Feuchtehaushalt
  • Lüftungsverhalten

Kalk kann unterstützen, aber nicht kompensieren.

Woran Bauherren wirklich erkennen, ob ein Kalkputz wohngesund ist

Achte auf:

  • vollständige Deklaration der Inhaltsstoffe
  • geringe oder keine Zusatzstoffe
  • mineralische Folgeprodukte (Grundierung, Farbe)
  • einen Verarbeiter, der erklären kann, warum etwas funktioniert

Lassen Sie sich nicht von Begriffen wie „wohngesund“, „Bio“, „vegan“ und was findigen Herstellern sonst noch so einfällt blenden. Wichtig ist was im Sack drin steckt und nicht was drauf steht.

 

 

3. Kalkputz ist nur für Altbauten geeignet

Diese Aussage hält sich hartnäckig und sie ist einer der Gründe, warum Kalkputz im Neubau oft gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Dabei ist sie fachlich nicht haltbar.

Ja, Kalkputz hat eine lange Tradition im Altbau. Aber genau diese Eigenschaften machen ihn auch für moderne Gebäude interessant. Oder haben Sie kein Interesse an einem Gebäude das Jahrhunderte überdauert?

Warum Kalkputz automatisch mit Altbauten verbunden wird

Der Zusammenhang ist historisch gewachsen:

  • früher wurde fast ausschließlich mit Kalk gebaut
  • Zement kam erst später flächendeckend zum Einsatz
  • viele Altbauten sind mit reinem Kalkputz ausgeführt

Dazu kommt: Kalk funktioniert besonders gut auf mineralischen, massiven Untergründen, wie sie im Altbau häufig vorkommen. Das bedeutet aber nicht, dass Kalk dort endet.

Was sich im Neubau verändert hat und warum das relevant ist

Moderne Gebäude unterscheiden sich deutlich von Altbauten:

  • dichtere Gebäudehülle
  • höhere energetische Anforderungen
  • neue Wandaufbauten und Dämmstoffe
  • andere Bauzeiten und Bauabläufe

Genau deshalb braucht Kalkputz im Neubau Verständnis für Bauphysik und auf moderne Untergründe abgestimmte Systeme. Wer dies berücksichtigt kann im Innenbereich eines Neubaus nahezu jeden Untergrund mit zementfreiem Kalkputz beschichten.

Typische Planungsfehler, die Kalk im Neubau scheitern lassen

In der Praxis sehe ich immer wieder dieselben Probleme:

  • falsch deklarierte Kalkputze
  • ungeeignete Grundierungen
  • nicht geeignete Anstriche auf Kalk
  • falsche beurteilte Untergründe
  • fehlende Trocknungszeiten

Das führt dann zu Aussagen wie: „Kalkputz funktioniert im Neubau nicht.“

In Wahrheit hat nicht der Kalk versagt, sondern das Konzept bzw. der Verarbeiter.

 

 

4. Mit Kalkputz hat man garantiert keinen Schimmel

Diese Aussage höre ich extrem häufig. Sie wird bei vermarkten von fast jedem Kalkputz verwendet und sie ist einer der Hauptgründe, warum Bauherren zu Kalkputz greifen. Aber, so einfach ist es nicht.

Kalkputz kann helfen, Schimmelprobleme zu reduzieren aber er verhindert Schimmel nicht automatisch. Wer das glaubt, erwartet vom Material etwas, das es allein nicht leisten kann.

Warum Kalkputz als „schimmelfrei“ gilt

Kalk besitzt Eigenschaften, die ihn grundsätzlich schimmelhemmend machen. Er hat einen hohen pH-Wert (Alkalität) und kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben und somit Oberflächen trocken halten.

Viele Schimmelpilze (nicht alle) mögen die hohe Alkalität nicht. Zudem braucht jeder Schimmelpilz Feuchtigkeit, um wachsen zu können. Das ist der Kern der Wahrheit hinter diesem Mythos.

Warum Schimmel trotzdem entsteht, trotz Kalkputz

In der Praxis sehe ich immer wieder Schimmel auf Wänden, die als „Kalkputzflächen“ ausgeführt wurden.
Die Ursachen liegen fast nie am Kalk selbst.

Typische Gründe:

  • es wurden Produkte verwendet, bei denen es sich nur dem Namen nach um Kalkputze handelt
  • ein guter Kalkputz wurde mit ungeeigneten Farben gestrichen
  • Die Oberfläche vom Kalkputz ist mit organischem Staub (z.B. Holzstaub vom Parkett schleifen) bedeckt
  • dauerhaft erhöhte Feuchtigkeit
  • unzureichendes Lüften

Wichtig: Schimmel entsteht durch Feuchtigkeit und Nährstoffe, nicht durch fehlenden Kalk.

Der größte Irrtum: Kalkputz als Problemlöser

Ein weit verbreiteter Gedanke: „Wir machen Kalkputz drauf, dann ist das Schimmelproblem erledigt.“

Das ist gefährlich.

Kalkputz kann:

  • oftmals die Lösung sein

Er kann aber:

  • keine baulichen Mängel beheben
  • keine Dämmfehler ausgleichen
  • kein falsches Nutzerverhalten kompensieren

Kalkputz ist dabei ein wi9chtiger Baustein, kein Allheilmittel.

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5. Kalkputz ist sehr empfindlich

Diese Aussage kommt meist von Menschen, die Kunststoffoberflächen gewohnt sind.

Ja. Kalkputz verhält sich anders als Kunststoff- oder Dispersionsputze /Farben.
Aber anders heißt nicht ungeeignet.

Woher dieser Mythos kommt

Der Vergleich hinkt von Anfang an. Viele Menschen vergleichen Kalkputz mit dichten Dispersionsoberflächen und harten Zementputzen.

Wer das tut, wird zwangsläufig enttäuscht sein und hat leider die Vorteile von Kalk nicht verstanden. Diffusionsfähigkeit funktioniert nicht, wenn ein Beschichtungsstoff abdichtet. Sehr hohe Festigkeit funktioniert nicht, wenn ich ein Produkt wünsche, welches aufgrund seiner Flexibilität Rissbildung reduziert.

Alltagstauglichkeit aus der Praxis

In der Praxis zeigt sich, Kalkputz funktioniert in Wohnräumen und auf Fassaden hervorragend. Auch in Fluren und Treppenhäusern.

Wichtig ist:

  • passende Oberflächenstruktur
  • richtige Körnung
  • fachgerechte Ausführung

Glatter Kalkputz reagiert anders als strukturierter. Das muss man wissen und einplanen.

Wann Kalkputz tatsächlich ungeeignet ist

Es gibt aber auch Situationen, in denen ich von Kalk abraten.

Bei dauerhafter mechanischer Belastung. In Bereichen die regelmäßig nass gereinigt werden. Wenn Anstrichsysteme verwendet werden müssen, die nicht zu Kalk passen. Oder wenn nicht verstanden wird, wie Kalkputz verarbeitet werden muss.

 

 

6. Kalkputz funktioniert nur im Innenbereich

Diese Aussage begegnet mir fast genauso häufig wie die Behauptung, Kalkputz sei nur etwas für Altbauten.
Vor allem bei Fassaden heißt es schnell: „Kalk hält das draußen doch nicht aus“ oder „Kalk wäscht sich aus“.

Kurzfassung: Das stimmt so nicht.
Aber auch hier gilt: Kalk funktioniert draußen nicht automatisch, sondern nur richtig eingesetzt.

Warum Kalkputz an der Fassade einen schlechten Ruf hat

Der schlechte Ruf kommt nicht von ungefähr, sondern aus schlechten Erfahrungen. Diese haben meist drei Ursachen:

  1. falsche Kalkprodukte
  2. falsche Bauweise
  3. falsche Untergründe

In vielen Fällen wurde der Beschichtungsaufbau nicht auf die Untergründe abgestimmt oder diese waren tatsächlich für Kalkputz nicht geeignet. Im Außenbereich gilt: Der Untergrund muss saugfähig sein, damit es im Winter nicht zu Frostschäden kommt. Zudem muss ein ausreichender Dachüberstand vorhanden sein.

Kalkputz an Fassaden: historisch bewährt

Ein Blick in die Baugeschichte reicht, um diesen Mythos zu entkräften. Über Jahrhunderte wurden Gebäude mit reinen Kalkmörteln errichtet und mit reinen Kalkputzen und Kalkfarben beschichtet. Und viele dieser Fassaden stehen heute noch.

Kalk ist kein neues Fassadenexperiment, sondern ein bewährtes System, allerdings aus einer Zeit mit noch vorhandenem Bauverständnis.

Warum Kalk an der Fassade anders funktioniert als moderne Putze

Kalkputz arbeitet anders als zement- oder kunststoffgebundene Systeme. Er nimmt Feuchtigkeit auf und gibt diese wieder ab und baut nur langsam Festigkeit auf. Somit sperrt er Feuchtigkeit nicht ein und reagiert er weniger empfindlich auf Spannungen.

Kalk schützt die Fassade nicht durch Abdichtung, sondern durch Feuchteregulierung.

Wann Kalkputz an der Fassade sehr gut funktioniert

Kalkputz eignet sich für Fassaden, wenn:

  • der Untergrund mineralisch, saugfähig und tragfähig ist
  • keine dauerhafte Durchfeuchtung vorliegt
  • konstruktiver Wetterschutz vorhanden ist
  • die Schichtaufbauten stimmen

Kalkputz auf der Fassade funktioniert, bei richtiger Planung.

Und hier noch etwas zum drüber nachdenken: Viele Fassadenschäden entstehen nicht durch Kalk, sondern durch zu dichte Putze.

 

 

7. Kalkputz ist viel teurer als andere Putze

Noch so eine Aussage die ich überwiegend von Kalk-Gegnern höre oder wenn das Budget erschöpft ist, um sich zu rechtfertigen.
Kalkputz ist doch viel teurer als normaler Putz, heißt es dann. Und ja: auf den ersten, oberflächlichen Blick kann der Eindruck entstehen.
Aber genau hier liegt der Denkfehler.

Denn wie bei allen anderen Produkten auch muss man beim Kalkputz nicht nur den Preis, sondern den Wert über die Lebensdauer und die Folgekosten betrachten.

Warum Kalkputz im Angebot teurer wirkt

Kalkputz kann im direkten Vergleich teurer erscheinen, weil die Verarbeitung zeitintensiver ist als bei 08 15 Putzen. Ein Kalkputz wird immer in mindestens 2 Lagen aufgebracht. Je nach Untergrund kann es sich auch um 3 – 4 Lagen handeln.

Grundsätzlich besteht ein Kalkputz aus einem Unter- und einem Oberputz. Wenn es der Untergrund erfordert, kann noch ein Vorspritzer und evtl. auch noch eine Armierlage nötig sein.

Kalk lässt sich nicht „schnell schnell“ verarbeiten und genau das spiegelt sich im Preis wider.

Der große Vergleichsfehler: Preis pro Quadratmeter

Viele Bauherren vergleichen Quadratmeterpreis Putz A vs. Putz B. Alle weiteren Faktoren wie Haltbarkeit, Folgekosten, Wohnkomfort usw. werden dabei nicht berücksichtigt.

Dazu hier die üblich angenommene Lebensdauer von verschiedenen Putzsystemen:

  • Gipsputz: 20 – 45 Jahre
  • Kalk-Zementputz: 30 -60 Jahre
  • Kalkputz 80 – 150 Jahre

Ein Kalkputz könnte somit das 4-fache eines Gipsputzes und das doppelte eines Kalk-Zementputzes kosten und wäre immer noch günstiger, wenn die Lebensdauer mit einbezogen wird.

Folgekosten werden oft ausgeblendet

Bei allen Putzen entstehen über die Jahre Kosten, die nicht berücksichtigt werden, wie die Wartungsintervalle, die während der Lebenszeit eines Putzes anfallen:

  • Gipsputz: alle 10 – 20 Jahre
  • Kalk-Zementputz: alle 8 – 12 Jahre
  • Kalkputz: alle15 – 30 Jahre

Was heute günstiger ist, kann morgen teuer werden.

Raumklima hat ebenfalls einen Wert

Ein Aspekt, der selten beziffert wird sind die Vorteile, die „echter“ Kalkputz mit sich bringt.

  • angenehmeres Raumklima
  • geringere Feuchteprobleme
  • reduziertes Schimmelrisiko

Diese Vorteile senken die indirekte Kosten, erhöhen den Wohnkomfort und steigern langfristig den Wert der Immobilie

Kalkputz ist damit nicht nur ein Baustoff, sondern Teil der Wohnqualität.

Preis vs. Entscheidung

Der eigentliche Unterschied liegt nicht im Material, sondern in der Haltung:

  • Will ich kurzfristig sparen?
  • Oder langfristig investieren?

Kalkputz passt zu Menschen, die Wert auf Substanz legen, langfristig denken und ihr Gebäude nicht als Wegwerfprodukt sehen.

 

 

8. Kalkputz ist weiß, langweilig und rustikal

Viele stellen sich unter Kalkputz immer noch dasselbe Bild vor. Weiße Wände, leicht wolkig, irgendwie rustikal. Nett vielleicht im Altbau, aber nichts für moderne Architektur.

Dieses Bild ist überholt.

Kalkputz ist kein gestalterischer Notbehelf, sondern eines der vielseitigsten Oberflächenmaterialien, die es im mineralischen Bereich gibt.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten Kalkputz wirklich bietet

Kalkputz lässt sich gestalterisch sehr unterschiedlich einsetzen, je nach:

  • Körnung
  • Oberflächenbearbeitung
  • Farbton
  • Licht

Möglich sind unter anderem:

  • sehr glatte, ruhige Oberflächen
  • lebendige, handwerkliche Strukturen
  • moderne, reduzierte Flächen
  • klassische oder historische Optiken

Die Gestaltung von Kalkputz ist deutlich vielseitiger, als viele denken. Und ja, Kalk ist von Natur aus hell. Aber Kalkputz kann mit natürlichen Pigmenten eingefärbt werden und so von sehr edel bis zurückhaltend wirken, ohne Koservierungsmittel oder schädliche Zusätze.

Anders als Dispersionsfarbe wirkt Kalkfarbe tiefer und lebendiger.

Oberfläche ist Handwerk

Bei Kalk entscheidet nicht nur das Material, sondern vor allem auch die Hand des Verarbeiters. Je nach Technik entstehen wolkige Flächen, ruhige, fast industrielle Optiken, bewusst sichtbare Handarbeit oder sehr gleichmäßige Oberflächen. Die gestalterische Vielfältigkeit ist nahezu unbegrenzt.

Vom Baudenkmal bis zur modernen Architektur, mit Kalk werden Oberflächen geschaffen die nicht nur zum Design passen sondern darüber hinaus auch noch für ein gesundes Wohnklima sorgen.

 

 

9. Kalkputz ist schwer zu verarbeiten

Diese Aussage sorgt bei vielen Bauherren und auch bei manchen Handwerkern, für unnötige Skepsis.
Kalk ist kompliziert, Kalk ist heikel, Kalk verzeiht keine Fehler, solche Sätze halten sich hartnäckig. Die Realität ist deutlich entspannter:
Kalkputz ist grundsätzlich sehr einfach zu verarbeiten.

Warum Kalk trotzdem als „schwierig“ gilt

Der Mythos entsteht weniger durch das Material selbst, sondern durch den Vergleich mit industriellen Putzen.

Moderne Putze sind so entwickelt, dass sie ohne Sachverstand verarbeitet werden können. Tüte auf, Wasser rein, und schon hat man ein Produkt, welches auf nahezu jedem Untergrund funktioniert. Der Preis dafür, Zusätze, die dem Gebäude und den Bewohnern schaden und Wissen das immer mehr verloren geht.

Was Kalkputz in der Verarbeitung auszeichnet

Kalkputz bindet durch die Aufnahme von CO2 ab und erhärtet dadurch deutlich langsamer, als zement- oder gipshaltige Produkte. Für den Verarbeiter bedeutet dies, er hat deutlich länger Zeit. Das bedeutet, es entsteht kein Zeitdruck und er kann gut korrigiert und nachgearbeitet werden.

Der eigentliche Unterschied: Verständnis statt Technik

Kalkputz verlangt keine besonderen Werkzeuge und keine besondere Technik. Was er braucht, ist ein Grundverständnis für das Gebäude und die Untergründe. Er braucht Geduld und ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt.

Grundsätzlich lässt sich Kalkputz genauso verarbeiten wie ein Kalk-Zementputz. Es gibt nur drei Punkte die dabei beachtet werden müssen:

  • die Produkte müssen auf den jeweiligen Untergrund abgestimmt werden
  • Kalk braucht Feuchtigkeit um abbinden zu können
  • er braucht Zeit, die nicht abgekürzt werden kann

Wer diese drei Punkte beachtet wird auch mit zementfreien Kalkputzen Ergebnisse erzielen die begeistern.

Warum Anfänger mit Kalk oft besser zurechtkommen als gedacht

In der Praxis zeigt sich, Anfänger sind dankbar für Tipps und Informationen und setzen diese um. Der gestandene Verputzer, mit 30 Jahren Berufserfahrung, will davon oftmals nicht wissen. Mit so viel Erfahrung muss ihm keiner erklären, wie man verputzt.

 

 

10. Kalkputz ist nur ein Trend

Von einem Trend zu sprechen, wenn es um einen Baustoff geht, der seit Jahrhunderten verwendet wird, ist schlicht falsch.
Selbst sogenannte Megatrends überdauern in der Regel nur wenige Jahrzehnte.

Was heute als „Trend“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit etwas anderes:
Die Industrie hat Kalkputz als lukratives Vermarktungsthema entdeckt. Die bekannten Vorteile von Kalk, Wohngesundheit, Schimmelhemmung, Natürlichkeit, werden genutzt, um Produkte höherpreisig zu verkaufen. Ähnlich wie man es aus dem Bio-, Vegan- oder Nachhaltigkeitsmarketing kennt.

Wenn in Verbindung mit Kalk von einem Trend gesprochen wird, dann betrifft das nicht den Baustoff selbst, sondern:

  • seine Vermarktung
  • neue Produktnamen
  • „Pseudo-Kalkputze“, die mit echtem Kalk nur noch bedingt etwas zu tun haben

Kalkputz ist kein Trend, sondern ein bewährter Baustoff.

Warum Kalk zeitweise in den Hintergrund geraten ist

Kalk wurde nicht verdrängt, weil er schlecht funktioniert hätte. Er wurde verdrängt, weil andere Bindemittel aufkamen, die die Verarbeitung noch einfacher und schneller machten, ohne Rücksicht auf langfristige Folgen.

Mit dem Einzug von Zement und vor allem Kunstharzen entstanden Produkte, die:

  • extrem schnell verarbeitet werden konnten
  • kaum Fachwissen erforderten
  • neue, standardisierte Oberflächen ermöglichten

Für die Bauindustrie war das ein Fortschritt. Für Gebäude, Umwelt und die Gesundheit der Bewohner wurde kaum hinterfragt, welche Konsequenzen diese Entwicklung langfristig hat.

Erst heute mit zunehmenden Feuchte- und Schimmelproblemen und einem wachsendem Gesundheitsbewusstsein rückt Kalk wieder in den Fokus. Nicht als Modeerscheinung, sondern als Antwort auf Probleme, die moderne Systeme mitverursacht haben.

 

 

Kalkputz braucht keine Mythen, sondern Verständnis

Kalkputz ist weder Wundermittel noch Modeerscheinung. Er funktioniert dann gut, wenn man weiß, was er kann und was nicht.

Viele Probleme entstehen nicht durch Kalk selbst, sondern durch falsche Erwartungen, ungeeignete Produkte oder fehlendes Wissen. Wer Kalk ehrlich einsetzt, bekommt ein langlebiges, wohngesundes und bauphysikalisch sinnvolles Ergebnis.

Genau deshalb berate ich offen, auch dann, wenn Kalk nicht die beste Lösung ist. Denn gutes Handwerk beginnt nicht mit dem Material, sondern mit der richtigen Entscheidung.

Mehr dazu gerne in einem persönlichen Gespräch oder indem ich Ihre Kommentare beantworte.